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Kalinka in Esslingen

Russisches Haus und Chor pflegen die Kultur Russlands

ESSLINGEN. Russland boomt, nicht wirtschaftlich, kulturell dafür umso stärker. Ein Russischer Chor und ein "Russisches Haus", in dem Sprach-, Theater- und Musikunterricht erteilt werden, bringen die Kultur und Traditionen des osteuropäischen Landes nach Esslingen.

Von Wolfgang Berger

Im Musiksaal des Georgii-Gymnasiums trifft sich der Russische Chor jeden Mittwochabend zur Probe. Im Repertoire haben die rund 30 Mitglieder kirchliche Musik, wie etwa die leise-besinnlichen Marienlieder, sowie beschwingt-fröhliche Volkslieder von der Qualität eines kräftigen Schlucks Wodka. Der Chor, der in diesem Jahr sein zehnjähriges Bestehen feiert, steht allen Nationalitäten offen. Zur Zeit singen dort fünf Mitglieder, deren Muttersprache Russisch ist, sagt die Chorleiterin und Pianistin Elena Schmitz. Für so manchen Auswanderer biete der Chor eine erste Anlaufstelle, die helfe, sich in der neuen Gesellschaft zurechtzufinden. Doch nur wenige machen weiter. Dies liegt Elena Schmitz zufolge unter anderem auch daran, dass der Chor Wert auf ein hohes Niveau lege und nicht jeder, der aus Russland stammt, automatisch Stimme hat.

Es waren deshalb auch nicht russische Einwanderer, die den Chor gegründet haben. Die Idee dazu kam von Rolf Laschet, der sich über seinen Beruf als Russischlehrer am Schelztor-Gymnasium hinaus für russische Kultur begeistert. Gemeinsam mit Theodor Schmitz, Musiklehrer an der Städtischen Musikschule Esslingen, startete Laschet eine Werbeaktion, auf die sich 20 Interessenten meldeten. Laschet zufolge gibt es außer in Esslingen nur noch einen russischen Chor in Baden-Württemberg, der von Studierenden aus Freiburg.

Nicht alle Sängerinnen und Sänger beherrschen die russische Sprache, und das ist für das Mitsingen auch keine Voraussetzung. "Das ist einfach eine wunderschöne Musik, die die Seele berührt", beschreibt Chormitglied Elfriede Holz ihre Motivation. Der Chor hat laut Laschet von Beginn an Wert auf persönliche Kontakte nach Russland gelegt. "Wir wollten nicht nur russische Kultur saugen, sondern Brücken schlagen." Immer wieder kämen Besucher aus dem Osten nach Esslingen und in die Gegenrichtung sei der Austausch ebenfalls recht lebhaft.

Seit Ende April dieses Jahres versucht der Verein " Russisches Haus Baden-Württemberg" in Esslingen Fuß zu fassen. Im Dick hat der Verein einen Raum gemietet, in dem laut Natalja Jakovleva, Präsidentin des Russischen Hauses, "hoch gebildete Dozenten" aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion Kurse aus dem Bereich Musik, Darstellende Kunst, Theater und Literatur anbieten. Die jeweilige Gebühr soll sich im Bereich des Volkshochschulniveaus bewegen. Das Haus soll zudem als Treffpunkt für alle Russland-Interessierten dienen. "Ich möchte für alle offen werden und die russische Kultur repräsentieren", sagt Jakovleva, die Menschen verschiedener Abstammung zusammenbringen und die Integration fördern will. Am vergangenen Samstag etwa fand im Dick ein Sankt-Petersburg-Abend statt mit einem Reisebericht, Liedern und einer Gemäldeausstellung.

Natalja Jakovleva kämpft zurzeit vor allem gegen Geldsorgen an. "Wir brauchen finanzielle Unterstützung", appelliert die freie Architektin und Dozentin an der Fachhochschule Nürtingen an potenzielle Sponsoren. "Wenn innerhalb von drei Monaten nichts passiert, kann es nichts werden mit dem russischen Haus", sagt Jakovleva. Von städtischer Seite erhält sie immerhin politische Förderung. In einem Empfehlungsschreiben vom Bürgermeister Udo Goldmann unterstützt die Stadt Esslingen "nachhaltig den Gedanken der Gründung eines solchen Russischen Hauses". Die Einrichtung "wäre ein wichtiger Beitrag für die Integration der russischstämmigen Bevölkerung". Die Esslinger Rohräckerschule und die FH Nürtingen haben das Russische Haus mit Tischen und Stühlen versorgt. Ein großer Posten sei die Miete, außerdem fehlten solche Dinge wie Kaffeemaschine und Wasserkocher.

Esslinger Zeitung vom 12 November 2002

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